Wie weit reicht ein Yen?

Wie der schwache Yen verändert, welche Welt sich junge Japaner leisten können

JAPAN IN FOCUSYOUTH & POLITICS

8/20/20265 min lesen

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Als Yui 2023 und 2024 in Princeton studierte, gehörte zu ihrem Auslandsjahr auch eine ungewohnte Disziplin: Währungsumtausch rechnen. In einem Erfahrungsbericht für das japanische Förderprogramm Tobitate schreibt sie, dass selbst ein günstiges Essen außer Haus wegen des schwachen Yen etwa 2.000 Yen kostete. Also kochte sie möglichst viel selbst. Trotzdem beschreibt sie die Zeit im Ausland als eine Erfahrung von bleibendem Wert.

Eine einzelne Studentin beweist keinen gesellschaftlichen Trend. Aber ihre Geschichte macht einen Widerspruch sichtbar, der inzwischen auch in größeren Daten auftaucht: Junge Japaner sind nicht weniger neugierig auf die Welt geworden. Doch für Menschen, deren Ersparnisse und Familieneinkommen in Yen gerechnet werden, ist ein längerer Aufenthalt in manchen Teilen dieser Welt erheblich kostspieliger.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht: Zieht sich Japans Jugend vom Ausland zurück?
Sondern: Wie weit reicht ihr Yen noch?

2024 registrierten japanische Hochschulen 91.054 Studierende, die ins Ausland gingen. Das waren 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Auffällig ist jedoch, was sich unter dieser Gesamtzahl verbirgt: Aufenthalte von weniger als einem Monat nahmen um 5,7 Prozent zu, während sämtliche längeren Aufenthaltskategorien zurückgingen. Gleichzeitig sank die Zahl der Studierenden in Nordamerika deutlich, während Asien zulegte.

Das allein beweist keinen Preiseffekt. Nachwirkungen der Pandemie, Hochschulprogramme, Sprachkenntnisse und persönliche Vorlieben spielen ebenfalls eine Rolle.

Gegen die einfache Erzählung einer international desinteressierten Generation spricht zudem eine andere Zahl: Für die 2026er Runde des Förderprogramms Tobitate bewarben sich 1.481 Studierende – nach 1.204 im Vorjahr. Seit Beginn der zweiten Programmphase waren es noch nie so viele.

Wie unterschiedlich der Weg ins Ausland sein kann, zeigt eine neue Untersuchung im Auftrag des japanischen Bildungsministeriums. Befragt wurden 875 Menschen, die mindestens ein halbes Jahr im Ausland studiert hatten oder dies in den vergangenen rund zehn Jahren getan hatten.

Im Durchschnitt kostete ein Monat Auslandsstudium in Asien rund 190.000 Yen. In Europa waren es 280.000 Yen, in Nordamerika 390.000 Yen, in Ozeanien 410.000 Yen. Besonders Wohnen und Lebenshaltung machen einen großen Teil der Unterschiede aus.

Noch bemerkenswerter ist die Verbindung zum Familieneinkommen.

Bei Befragten aus Haushalten mit weniger als drei Millionen Yen Jahreseinkommen entfielen 16,3 Prozent der Aufenthalte auf Nordamerika und 28,6 Prozent auf Asien. Unter Befragten aus Haushalten mit mindestens zwölf Millionen Yen Jahreseinkommen lag der Nordamerika-Anteil bei 33,3 Prozent, der Asien-Anteil dagegen nur bei 9,3 Prozent. Das Ministerium fasst selbst zusammen: Mit höherem Haushaltseinkommen steigt der Anteil Nordamerikas; bei niedrigeren Einkommen ist Asien stärker vertreten.

Internationale Erfahrung besitzt eine soziale Geografie.

Diese soziale Selektivität ist älter als die jüngste Yen-Schwäche.

Eine Untersuchung von 18.510 Studierenden an 69 japanischen Universitäten auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2017 zeigte bereits, dass der sozioökonomische Hintergrund die Wahrscheinlichkeit eines Auslandsstudiums beeinflusst. Doch dieselbe Forschung fand einen wichtigen Gegeneffekt: An Hochschulen, die an großen staatlichen Internationalisierungs-programmen teilnahmen, wurde der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Auslandsstudium schwächer.

Entscheidend ist also nicht nur, wie viel Geld eine Familie besitzt. Ebenso wichtig kann sein, an welcher Hochschule jemand studiert.

Eine Universität mit vielen Partnerhochschulen, guter Beratung und finanzieller Unterstützung kann die Reichweite eines begrenzten Familienbudgets vergrößern.

JASSO zahlt in seinem Austauschprogramm 2026 je nach Zielregion monatlich zwischen 80.000 und 120.000 Yen. Studierende, die bestimmte finanzielle Voraussetzungen erfüllen, können zusätzlich 160.000 Yen Reiseunterstützung erhalten. Aber die Förderung ist an Hochschulprogramme gebunden: Die eigene Universität beantragt das Programm und wählt die Studierenden aus.

Auch die neue MEXT-Studie kommt deshalb nicht nur zu einem währungspolitischen Schluss. Sie fordert mehr Förderung für niedrigere Einkommensgruppen, weist auf Unterschiede zwischen Hochschulen hin – und nennt ausdrücklich den Wunsch, Stipendien stärker an Wechselkursänderungen und weltweite Preissteigerungen anzupassen.

Der Yen ist also nicht die ganze Geschichte.

Er trifft auf ein System, in dem Familie und Institution schon vorher darüber mitentschieden haben, wie leicht jemand ins Ausland kommt.

Hinzu kommt eine unangenehme Frage: Wie sehr zahlt sich Auslandserfahrung später beruflich aus?

Dass ein Auslandssemester persönlich wertvoll sein kann, ist etwas anderes als ein garantierter finanzieller Ertrag. Eine Untersuchung japanischer Arbeitsmarktdaten fand einen messbaren Einkommensvorteil vor allem bei Menschen, die während Studium oder Hochschulausbildung mindestens 25 Monate im Ausland verbracht hatten – und ihre Englischkenntnisse später beruflich nutzten. Für die Auslandserfahrung der meisten japanischen Studierenden ließ sich dagegen kein allgemeiner Einkommenseffekt feststellen.

Auch die aktuelle MEXT-Untersuchung berichtet von dem Problem, dass längere Auslandserfahrung in Japan nicht überall ausreichend beruflich anerkannt werde.

Für eine wohlhabende Familie ist diese Unsicherheit leichter auszuhalten.

Wer dagegen einen erheblichen Teil seiner Ersparnisse einsetzen oder einen Kredit aufnehmen müsste, muss anders rechnen: nicht nur mit dem Wunsch, ins Ausland zu gehen, sondern mit der Frage, ob sich das finanzielle Risiko rechtfertigen lässt.

Soziale Ungleichheit zeigt sich dann nicht erst darin, wer reisen darf. Sie zeigt sich auch darin, wer es sich leisten kann, eine Erfahrung zu wählen, deren wirtschaftlicher Nutzen offen ist.

Gleichzeitig kommen immer mehr Studierende nach Japan. Während diese Debatte läuft, internationalisiert sich Japan in die andere Richtung ausgesprochen schnell.

Zum 1. Mai 2025 lebten 408.069 ausländische Studierende in Japan – 21,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und so viele wie nie zuvor. Die größten Gruppen kamen aus China, Nepal und Vietnam. Bemerkenswert. Japan wird internationaler. Für junge Menschen, die nach Japan kommen, öffnen sich neue Bildungswege. Für manche junge Japaner wird gleichzeitig entscheidender, wie viel finanzielle Unterstützung hinter ihnen steht, welches Stipendium sie bekommen und welche Weltregion sie wählen können.

Damit führt die Frage nach dem Yen zu einer größeren Frage über internationale Erfahrung.

Die entscheidende soziale Grenze verläuft womöglich nicht zwischen einer kosmopolitischen Jugend und einer Generation, die sich von der Welt abwendet.

Sie könnte innerhalb derselben neugierigen Generation verlaufen.

Der eine kann ein Jahr in Nordamerika finanzieren. Die andere wählt einen kürzeren Aufenthalt. Jemand anderes entscheidet sich für Asien. Wieder jemand fährt nur deshalb, weil seine Universität ein Förderprogramm anbietet. Und manche tauchen in der Statistik überhaupt nicht auf, weil die Rechnung schon vor der Bewerbung nicht aufgeht.

Der schwache Yen hat diese Unterschiede nicht geschaffen.

Aber er kann ihnen mehr Gewicht geben.

Er entscheidet nicht darüber, wer von der Welt träumt. Er kann mitentscheiden, wie weit dieser Traum reicht.

Quellen:

  1. Yui / Tobitate! Study Abroad JAPAN, Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) (2024): ゆいさんの海外留学体験記(留学先:アメリカ合衆国) [Yuis Erfahrungsbericht zum Auslandsstudium – USA].
    Link: https://tobitate-mext.jasso.go.jp/zukan/detail-3183

  2. Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) (2026): 「日本人学生の海外留学状況」及び「外国人留学生の在籍状況調査」について [Zur Situation japanischer Studierender im Ausland und zur Erhebung über ausländische Studierende in Japan].
    Link: https://www.mext.go.jp/a_menu/koutou/ryugaku/1412692_00003.htm

  3. Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) (2026): 官民協働海外留学支援制度~トビタテ!留学JAPAN 新・日本代表プログラム~【大学生等対象】2026年度(第18期)派遣留学生の選考結果及び壮行会の開催について 応募者数が前年度から約2割増加!
    Link: https://www.mext.go.jp/a_menu/kokusai/tobitate/1422994_00016.htm

  4. Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) (2026): 海外大学に長期留学する者の留学資金調達の現状に係る調査研究 [Untersuchung zur aktuellen Finanzierungssituation von Personen mit längerfristigem Studium an ausländischen Hochschulen].
    Link: https://www.mext.go.jp/a_menu/koutou/itaku/mext_00001.html

  5. Entrich, Steve R.; Netz, Nicolai; Matsuoka, Ryoki (2023): The Role of Institutional Contexts for Social Inequalities in Study Abroad Intent and Participation. CSRDA Discussion Paper No. 49, Center for Social Research and Data Archives, Institute of Social Science, The University of Tokyo.
    Link: https://csrda.iss.u-tokyo.ac.jp/international/dp/No.49.pdf

  6. Japan Student Services Organization (JASSO) (2026): 海外留学支援制度(協定派遣) [Student Exchange Support Program – Scholarship for Short-term Study Abroad].
    Link: https://www.jasso.go.jp/ryugaku/scholarship_a/haken/index.html

  7. Kobayashi, Genki (2019): 日本人学生の留学経験は就労後の所得を高めるか:大学教育における留学の意義再考[The Effect of Studying Abroad in Undergraduate and Postgraduate Years on Wages]. 大学教育学会誌 / Journal of Japan Association for College and University Education, 41(1), S. 97–106.
    Link: https://da.lib.kobe-u.ac.jp/da/kernel/90006221/

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