Fällen oder stehen lassen?

Der Streit um den Wald ist politischer, als er aussieht Soll Deutschland seine Wälder stärker nutzen, gezielt umbauen oder mehr Flächen sich selbst überlassen? Hinter dieser Frage steckt ein Konflikt über Klimaschutz, Holz, Eigentum und Naturschutz. Die Wissenschaft liefert Argumente für Eingriffe und für Zurückhaltung. Eine pauschale Rechtfertigung für mehr Holzeinschlag liefert sie nicht.

YOUTH & POLITICSSCIENCESUSTAINABILITY

8/25/20266 min lesen

a tree that is laying down in the grass
a tree that is laying down in the grass

Nehmen wir einen erntereifen Baum.

Er kann stehen bleiben. Dann bleibt sein Kohlenstoff zunächst im Wald. Der Baum kann weiterwachsen, Lebensraum bieten und Teil eines komplexeren Bestandes werden. Er kann aber auch unter Dürre leiden, vom Käfer befallen werden oder brennen.

Der Baum kann gefällt werden. Ein Teil seines Holzes landet möglicherweise für Jahrzehnte in einem Haus. Holz kann emissionsintensive Materialien ersetzen. Auf der Fläche wachsen neue Bäume. Ein anderer Teil des Holzes wird Papier, Verpackung oder Energie und gibt seinen Kohlenstoff wesentlich schneller wieder ab.

Welche Variante schützt das Klima besser?

Die Klimarechnung entscheidet mit über die Waldpolitik

Wer mehr Holznutzung fordert, verweist häufig auf drei Effekte: Junge Wälder wachsen nach, Holzprodukte speichern Kohlenstoff und Holz kann Stahl, Beton oder fossile Energieträger ersetzen.

Wer weniger Holzeinschlag fordert, beginnt an einem anderen Punkt: Der Kohlenstoff eines stehenden Baumes ist bereits gespeichert. Wird der Baum gefällt, sinkt der Vorrat im Wald sofort. Nachwachsen dauert. Ob das geerntete Holz tatsächlich klimaschädlichere Materialien ersetzt, ist unsicher.

Beide Perspektiven erfassen einen Teil des Systems.

Der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik fordert deshalb, Waldspeicher, Holzproduktespeicher und mögliche Substitution gemeinsam zu betrachten. Hinzu kommen Zeit, Märkte, Störungen und die Frage, was ohne eine bestimmte Maßnahme geschehen wäre. Substitution lässt sich dabei nicht direkt messen. Sie beruht auf einer Gegenrechnung: Welches Produkt wäre ohne das Holz tatsächlich verwendet worden?

Holz hat keinen festen Klimabonus

Ein Balken aus Holz kann einen Stahlträger ersetzen.

Dann können Emissionen vermieden werden.

Ersetzt er einen anderen Holzbalken, entsteht dieser Vorteil nicht. Wird Holz zur Energiegewinnung genutzt, hängt die Rechnung davon ab, welche Energiequelle verdrängt wird. Gegen Kohle sieht Holz anders aus als gegen Windstrom oder Solarenergie.

Der nordische Klimaforscher Markku Rummukainen hat für einen 2026 veröffentlichten Review 173 wissenschaftliche Arbeiten und Buchbeiträge sowie 66 weitere Dokumente ausgewertet. Sein Befund ist deutlich: Die Klimawirkung der Waldsenke, also die Fähigkeit des Waldes mehr CO2 aufzunehmen als er produziert, ist gut messbar. Die Klimavorteile von Holzprodukten hängen wesentlich stärker von Märkten, Konsum, Technologien und angenommenen Alternativen ab. Viele neuere Untersuchungen finden für die kommenden Jahrzehnte Vorteile, wenn Waldsenken gestärkt und Ernten moderater gestaltet werden.

Das bedeutet nicht, dass Holz klimapolitisch wertlos wird. Die Verwendung zählt.

Holz, das lange in Gebäuden bleibt, hat eine andere Bilanz als Holz, das schnell verbrannt wird. Eine Klimapolitik für Holz müsste deshalb stärker fragen, was mit einem Kubikmeter nach dem Einschlag geschieht.

Deutschland zeigt, wie schnell sich die Waldrechnung ändern kann

Von 2017 bis 2022 sank der Kohlenstoffvorrat im deutschen Wald um rund 41,5 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Größere Waldschäden durch Sturm, Trockenheit, Feuer oder Schädlinge und geringeres Wachstum machten den Wald in diesem Zeitraum zur Kohlenstoffquelle.

2025 drehte sich das Vorzeichen wieder.

Nach den vorläufigen Daten des Umweltbundesamtes nahm der deutsche Wald netto 19,3 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalente auf. Der Holzproduktespeicher wirkte ebenfalls als Senke. Der gesamte Sektor aus Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft blieb mit 26,9 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalenten Nettoemissionen allerdings weiterhin eine Quelle.

Ein Wald besitzt damit kein dauerhaftes Etikett als Senke.

Dürre, Wachstum, Alter, Nutzung und Störungen verändern seine Bilanz.

Wie stark muss der Mensch eingreifen, damit der Wald in der Zeit des Klimawandels widerstandsfähig bleibt?

Ein Wald, der sich selbst verjüngt, erzeugt nicht automatisch den Wald, der mit dem Klima von 2050 oder 2070 zurechtkommt. Auf einem trockener werdenden Standort können sich Baumarten vermehren, deren Zukunft dort selbst unsicher ist. Starker Wildverbiss kann die natürliche Verjüngung bestimmter Arten verhindern. Große gleichförmige Bestände können hohe Risiken tragen.

Aktive Forstwirtschaft kann darauf reagieren. Sie kann Baumarten ergänzen, Bestände strukturieren, Verjüngung fördern, instabile Bäume entnehmen und Risiken räumlich verteilen.

Auch Waldbrände verändern die Diskussion. Mehr Kohlenstoff im Wald nützt dem Klima nur dauerhaft, wenn der Wald einen erheblichen Teil dieses Kohlenstoffs halten kann.

Das passt schlecht zu einem politischen Streit, der nur zwei Schalter kennt: nutzen oder schützen.

Wo natürliche Verjüngung funktioniert, kann sie aber enorme Vorteile besitzen.

Viele junge Bäume entstehen ohne Pflanzung. Genetische Vielfalt und natürliche Auswahl können größer sein. Der Boden wird weniger gestört. Kosten für Pflanzmaterial und Pflanzung sinken. Alte Bäume und Totholz schaffen Lebensräume, die sich nicht kurzfristig herstellen lassen. Wälder ohne Holznutzung können Strukturen entwickeln, die in regelmäßig bewirtschafteten Beständen seltener werden.

Damit bekommt auch Zurückhaltung einen rationalen Kern. Ein Förster muss nicht überall handeln, nur weil er handeln kann. Die schwierige Aufgabe besteht darin, Flächen zu unterscheiden.

Genau darüber streitet Deutschland 2026

Die Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD bekennt sich im Koalitionsvertrag zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung und zur Multifunktionalität des Waldes. Sie will klimaresiliente und artenreiche Mischwälder fördern, Waldbesitzer bei Ökosystemleistungen unterstützen und die Waldprogramme von GAK und Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz fortführen.

Im selben Abschnitt kündigt die Koalition Erleichterungen bei der europäischen Wiederherstellungsverordnung an und betont die Praxistauglichkeit für Landbewirtschafter und Eigentümer.

Die politische Richtung ist erkennbar: Waldschutz soll mit Bewirtschaftung, Eigentümerinteressen und Rohstoffnutzung vereinbar bleiben.

Im März 2026 wurde daraus ein offener Konflikt.

Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt wollten auf der Agrarministerkonferenz die Waldmaßnahmen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz neu ausrichten. Staatliche Mittel sollten stärker in Waldumbau, nachhaltige Holznutzung und langfristige Holzverwendung fließen. Die Stilllegungsförderung sollte gestrichen werden.

Umweltverbände wie die Grüne Liga widersprachen. Sie verteidigten das Programm KlimaWildnis und argumentierten für dauerhaft nutzungsfreier Wälder.

Die Agrarminister fanden keinen gemeinsamen Beschluss.

Die EU macht aus dem Streit konkrete Politik

Bis zum 1. September 2026 muss Deutschland seinen Entwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans an die Europäische Kommission übermitteln. Der erste deutsche Entwurf wurde am 25. April veröffentlicht. Rund 7.000 Hinweise gingen während der Beteiligung ein. Der Plan soll beschreiben, wie Deutschland geschädigte Ökosysteme stärkt und die Ziele der europäischen Wiederherstellungsverordnung erreicht.

Für den Wald ist das politisch brisant, weil Fragen nach Biodiversität, alten Bäumen, Waldstrukturen, Nutzung und Wiederherstellung plötzlich messbar gemacht werden müssen.

Die Bundesregierung betont dabei Freiwilligkeit. Nach ihrer Auskunft im Bundestag begründen die Maßnahmen des Wiederherstellungsplans keine unmittelbaren Verpflichtungen für einzelne private Flächeneigentümer.

Damit verschwindet der Konflikt nicht.

Er verlagert sich auf Förderung, Zielwerte und politische Prioritäten.

Wofür zahlt der Staat?

Für Holzerzeugung und Waldumbau?

Für Kohlenstoffspeicherung?

Für Totholz und alte Bäume?

Für Nutzungsverzicht?

Für Wasserrückhalt?

Für Risikomanagement?

Diese Entscheidungen bestimmen mit, welcher Wald wirtschaftlich möglich wird.

Die Wissenschaft gibt keiner Seite einen Freibrief

Der aktuelle Forschungsstand stützt vier Aussagen recht gut.

Erstens: Der Waldspeicher zählt. Wer ihn durch höhere Ernten reduziert, muss den Verlust in der Klimarechnung berücksichtigen.

Zweitens: Holz kann Klimavorteile bringen, besonders bei langlebiger Nutzung. Ein pauschaler Substitutionsbonus ist wissenschaftlich zu grob.

Drittens: Weniger Ernte kann die Klimabilanz über Jahrzehnte verbessern. Das gilt auch in Modellen, die internationale Marktverlagerungen berücksichtigen.

Viertens: Klimarisiken wie Feuer, Dürre und Schädlingsdruck können gezielte Eingriffe sinnvoll machen. Daraus folgt keine allgemeine Pflicht zu stärkerer Bewirtschaftung.

Damit zeichnet sich eine anspruchsvollere Waldpolitik ab.

Sie müsste Kohlenstoffsenken sichern, klimaschwache Holznutzungen vermeiden, hochwertiges Holz möglichst lange verwenden und dort eingreifen, wo konkrete Risiken oder eine fehlende Verjüngung es begründen. Andere Flächen können gerade durch geringere Eingriffe an ökologischer Qualität gewinnen. Diese Richtung entspricht eher der derzeitigen Evidenz als eine pauschale Steigerung oder pauschale Absenkung des Holzeinschlags.

Ein Wald kann Bewirtschaftung brauchen. Ein anderer gewinnt durch Zurückhaltung. Selbst innerhalb eines Bestandes können beide Prinzipien zusammenkommen. Deutschland muss festlegen, welche Leistungen des Waldes auf welcher Fläche Vorrang haben, welche Eingriffe dafür tatsächlich nötig sind und wie deren Klimawirkung bilanziert wird.

Die Zukunft des deutschen Waldes entscheidet sich nicht daran, ob Förster oder Naturschützer den politischen Streit gewinnen. Sie entscheidet sich daran, ob Deutschland aufhört, für sehr unterschiedliche Wälder dieselbe Antwort zu verlangen.

Quellen

Weber Blaschke, Gabriele; Dieter, Matthias; Knoke, Thomas; Bauhus, Jürgen; Lindner, Marcus et al. / Wissenschaftlicher Beirat für Waldpolitik, 2025: Die Ermittlung der Klimaschutzleistung von Wald und Holznutzung: Orientierungshilfe in einer kontroversen Debatte.
Link: https://buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/562

Weber Blaschke, Gabriele; Dieter, Matthias; Knoke, Thomas; Lindner, Marcus; Bauhus, Jürgen, 2026: How to assess the contribution of forests and wood use to climate change mitigation: Navigating through a controversial debate. Forest Policy and Economics, 188, 103819.
Link: https://doi.org/10.1016/j.forpol.2026.103819

Rummukainen, Markku, 2026: Climate benefits of Nordic forestry revisited, a review. Forestry, 99(2), cpag017.
Link: https://doi.org/10.1093/forestry/cpag017

Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat / Thünen Institut, 2024: Der Wald in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse der vierten Bundeswaldinventur.
Link: https://www.bmel.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/bundeswaldinventur.html

Umweltbundesamt, 2026: Treibhausgasdaten zeigen: Klimaschutz braucht neuen Schub.
Link: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/treibhausgasdaten-zeigen-klimaschutz-braucht-neuen

CDU, CSU und SPD, 2025: Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 21. Legislaturperiode.
Link: https://www.cducsu.de/sites/default/files/2025-04/koalitionsvertrag_2025.pdf

Agrarministerkonferenz, 2026: Endgültiges Ergebnisprotokoll der Agrarministerkonferenz am 20. März 2026 in Bad Reichenhall.
Link: https://www.agrarministerkonferenz.de/documents/endgueltiges-ergebnisprotokoll-amk-bad-reichenhall-2026.pdf

Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, 2026: Nationaler Wiederherstellungsplan für die Natur in Deutschland.
Link: https://www.bundesumweltministerium.de/themen/naturschutz/wiederherstellung-von-oekosystemen/die-eu-verordnung-zur-wiederherstellung-der-natur/nationaler-wiederherstellungsplan-fuer-die-natur-in-deutschland

GRÜNE LIGA e. V., 2026: Abschaffung des ANK Förderprogramms KlimaWildnis verhindern. Stellungnahme zur Agrarministerkonferenz 2026.
Link: https://www.lobbyregister.bundestag.de/inhalte-der-interessenvertretung/regelungsvorhabensuche/RV0022934

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