El Niño 2026: Wie der Pazifik das Wetter der Welt verschiebt
El Niño beginnt weit entfernt von Europa – im tropischen Pazifik. Seine Auswirkungen können jedoch Niederschläge, Temperaturen, Landwirtschaft und Meeresökosysteme auf mehreren Kontinenten verändern. Für 2026 zeichnet sich ein besonders kräftiges Ereignis ab. Was daraus für Europa, Deutschland und Japan folgt, lässt sich dennoch nicht mit einer einfachen Wetterformel beantworten.
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8/1/20267 min lesen
Vorhersagen sind kein Versprechen – aber ein Vorsprung
Saisonale Klimaprognosen arbeiten mit Ensembles: Viele Modellläufe berechnen unterschiedliche mögliche Entwicklungen. Je stärker sie übereinstimmen und je deutlicher Ozean und Atmosphäre miteinander gekoppelt reagieren, desto größer wird das Vertrauen in die Grundentwicklung.
Im Frühjahr sind ENSO-Prognosen wegen der sogenannten „Spring Predictability Barrier“ traditionell besonders unsicher. Im Verlauf des Sommers werden die Signale häufig klarer. Für 2026 hat sich die anfangs noch vorsichtige Einschätzung inzwischen deutlich gefestigt. Trotzdem bleibt offen, wo genau die stärksten Auswirkungen auftreten und wie andere Klimafaktoren das Ereignis regional verändern.
Genau darin liegt der Wert wissenschaftlicher Vorhersagen. Sie sollen nicht den Wetterverlauf jedes einzelnen Tages festlegen. Sie geben Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Gesundheitsdiensten, Fischerei und Katastrophenschutz Zeit, Risiken zu prüfen und Vorsorge zu treffen.
El Niño ist deshalb nicht nur eine Geschichte über Extremwetter. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie globale Beobachtungssysteme, offene Daten und internationale Zusammenarbeit aus einer natürlichen Klimaschwankung ein Stück planbarer Zukunft machen können.

Die wichtigsten belegten Daten
AKTUELLER STAND
+1,2 °C
Niño-3.4-Index am 9. Juli 2026
97 %
Wahrscheinlichkeit einer Fortdauer bis Frühjahr 2027
81 %
Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño von Oktober bis Dezember 2026
Quelle: NOAA Climate Prediction Center, 9. Juli 2026.
EUROPA & DEUTSCHLAND
Einfluss: vor allem im Winter möglich
Aussagekraft: regional und von Jahr zu Jahr stark unterschiedlich
Deutschland: Kein sicherer milder, kalter, trockener oder nasser Winter ableitbar
Quelle: ECMWF/Copernicus, ENSO impacts on Europe, 2026.
JAPAN
November–Dezember: historisch häufiger wärmer
Juli–September: historisch häufiger kühler
Niederschlag: kein eindeutiger Zusammenhang festgestellt
Quelle: FAO, ENSO effects on fisheries and aquaculture, 2020.
KLIMAWANDEL
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen.
Eine CMIP6-Studie zeigt für die untersuchten Emissionsszenarien einen Modellkonsens von 78,6 bis 88,4 % für eine steigende ENSO-Temperaturvariabilität im 21. Jahrhundert.
Quelle: Cai et al., Nature Climate Change, 2022.
Quellen: NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 9. Juli 2026; World Meteorological Organization: Prepare for El Niño, 2. Juni 2026; Deutscher Wetterdienst: El Niño 2015 – Erste Erkenntnisse und Ausblick sowie El Niño 2015/16 und seine klimatischen Folgen; Copernicus Climate Change Service/ECMWF: ENSO impacts on Europe; FAO: El Niño Southern Oscillation effects on fisheries and aquaculture, Technical Paper 660, sowie GIEWS Update, 29. Juni 2026; Cai et al.: Increased ENSO sea surface temperature variability under four IPCC emission scenarios, Nature Climate Change 12, 2022.
Im Pazifik verändert sich derzeit ein System, das zu den einflussreichsten natürlichen Klimaschwankungen der Erde gehört. Am 9. Juli 2026 meldete das Climate Prediction Center der US-Klimabehörde NOAA einen sich verstärkenden El Niño. Nach der damaligen Prognose bestand eine Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent, dass das Ereignis bis in das frühe Frühjahr 2027 anhält. Für den Zeitraum von Oktober bis Dezember wurde sogar eine Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent für einen sehr starken El Niño angegeben.
Diese Zahlen sind bemerkenswert. Sie bedeuten jedoch nicht, dass sich einzelne Wetterereignisse Monate im Voraus festlegen lassen. Selbst ein sehr starker El Niño erzeugt nicht in jeder Region das historisch typische Muster. Er verändert vielmehr die Wahrscheinlichkeiten: Bestimmte Entwicklungen werden wahrscheinlicher, andere unwahrscheinlicher.
Was bei El Niño im Pazifik geschieht
El Niño ist die warme Phase der El Niño–Southern Oscillation, kurz ENSO. Dabei handelt es sich um eine natürliche Schwankung des gekoppelten Systems aus Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik. Zu ENSO gehören neben El Niño auch die kühlere La-Niña-Phase und neutrale Bedingungen.
Unter normalen Bedingungen treiben östliche Passatwinde warmes Oberflächenwasser in Richtung Indonesien und Australien. Vor der südamerikanischen Küste kann dadurch kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufsteigen. Während eines El Niño schwächen sich die Passatwinde ab. Warmes Wasser verlagert sich weiter nach Osten, die sogenannte Thermokline – die Grenzschicht zwischen warmem Oberflächenwasser und kühleren Tiefenschichten – sinkt im östlichen Pazifik ab. Gleichzeitig verschieben sich die Gebiete, in denen feuchte Luft aufsteigt und starke Niederschläge entstehen.
Aus einer Veränderung im tropischen Ozean wird so ein atmosphärisches Signal, das große Zirkulationsmuster beeinflussen kann. Diese Fernwirkungen werden als Telekonnektionen bezeichnet. Sie verbinden den Pazifik mit Regionen, die Tausende Kilometer entfernt liegen.
El Niño tritt unregelmäßig auf, meist im Abstand von etwa zwei bis sieben Jahren, und dauert häufig neun bis zwölf Monate. Seine stärkste Ausprägung erreicht das Phänomen gewöhnlich zwischen November und Februar. Entscheidend ist dabei: Kein Ereignis gleicht exakt dem vorherigen. Die Erwärmung kann stärker im zentralen oder im östlichen Pazifik liegen, unterschiedlich lange anhalten und mit anderen Klimaschwankungen zusammentreffen. Entsprechend verschieden fallen auch die regionalen Folgen aus.


El Niño ist nicht der Klimawandel
El Niño wird nicht durch den menschengemachten Klimawandel ausgelöst. Das Phänomen gehört zur natürlichen Variabilität des Klimasystems. Es tritt heute allerdings in einer Welt auf, deren Atmosphäre und Ozeane bereits deutlich wärmer sind als in vorindustrieller Zeit.
Diese Unterscheidung ist zentral. El Niño kann vorübergehend zusätzliche Wärme aus dem Ozean an die Atmosphäre abgeben und dadurch die globale Mitteltemperatur erhöhen. Der langfristige Erwärmungstrend entsteht dagegen vor allem durch die zunehmende Konzentration von Treibhausgasen.
Beide Entwicklungen können sich überlagern. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen, während wärmere Meere zusätzliche Energie bereitstellen. Verschiebt El Niño dann die Zirkulation, können bestimmte Hitzeperioden, Starkniederschläge oder marine Hitzewellen intensiver ausfallen, als sie es unter einem kühleren Grundklima getan hätten. Die Weltorganisation für Meteorologie weist deshalb darauf hin, dass El Niño die Folgen einer bereits erwärmten Welt verstärken kann.
Wie sich ENSO selbst durch den Klimawandel verändert, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Der Weltklimarat bewertet eine Zunahme der ENSO-bedingten Niederschlagsvariabilität in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts als sehr wahrscheinlich. Bei der Frage, ob auch die Temperaturunterschiede im Pazifik und damit die Stärke der Ereignisse systematisch zunehmen, bestehen größere Unsicherheiten. Eine neuere Auswertung von CMIP6-Klimamodellen kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass die langfristige Schwankungsbreite der Meeresoberflächentemperaturen in mehreren Emissionsszenarien steigen könnte.
Die wissenschaftlich angemessene Aussage lautet daher nicht, dass künftig automatisch mehr oder immer stärkere El-Niño-Ereignisse auftreten. Belastbarer ist: Die mit ENSO verbundenen Niederschlagsextreme können in einer wärmeren Welt deutlicher werden, während die Entwicklung des Phänomens selbst weiter erforscht wird.
Was weltweit zu erwarten ist
Historische Auswertungen zeigen wiederkehrende Muster. Während El Niño steigt in Teilen des südlichen Nordamerikas, an der Westküste Südamerikas und in Teilen Ostafrikas häufig die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche Niederschläge. In Australien, Indonesien, Teilen Süd- und Südostasiens sowie im südlichen Afrika treten dagegen öfter trockene Bedingungen auf.
Die dem Beitrag beigefügte Karte zeigt diese historischen Zusammenhänge bewusst als räumlich und zeitlich begrenzte Muster. Gelbe Flächen markieren Regionen mit typischerweise trockeneren, blaue Flächen solche mit feuchteren Bedingungen. Die eingezeichneten Monate machen deutlich, dass dieselbe Region nicht während des gesamten El-Niño-Zeitraums gleich reagiert.
Für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit kann dies konkrete Folgen haben. Die FAO erwartet für 2026 in mehreren Teilen Süd- und Südostasiens sowie weiteren wichtigen Anbauregionen ein erhöhtes Risiko unterdurchschnittlicher Niederschläge. Trockenheit kann Aussaat, Erträge, Weideflächen und Wasserversorgung beeinträchtigen. Überdurchschnittlicher Regen kann Ernten andererseits unterstützen, zugleich aber Überschwemmungen und Staunässe auslösen.
Auch die Meere reagieren. Veränderte Temperaturen und Strömungen verschieben Nährstoffversorgung, Laichgebiete und Wanderungsrouten. Die Folgen sind global betrachtet nicht einheitlich, können regional jedoch erheblich sein. Besonders empfindlich sind Auftriebsgebiete, Korallenriffe und Fischereien, deren Bestände eng an bestimmte Wassertemperaturen oder Strömungen gebunden sind.


Europa und Deutschland: Einfluss vorhanden, Signal begrenzt
Dass Europa auf vielen Karten zu den typischen El-Niño-Auswirkungen kaum farbig markiert ist, ist kein Zufall. Die Entfernung zum tropischen Pazifik ist groß, und der europäische Wetterraum wird von mehreren konkurrierenden Faktoren geprägt.
El Niño kann die atmosphärische Zirkulation über dem Nordatlantik und Europa beeinflussen. Diese Verbindung ist vor allem im Winter erkennbar, wenn das Ereignis gewöhnlich seinen Höhepunkt erreicht. Historische Analysen zeigen jedoch große Unterschiede zwischen dem frühen Winter im November und Dezember und dem späteren Winter im Januar und Februar.
Hinzu kommen Einflüsse aus den Polarregionen, der Stratosphäre und dem Nordatlantik. Sie können das ENSO-Signal verstärken, verändern oder vollständig überlagern. Deshalb ergibt sich aus einem starken El Niño keine belastbare Aussage wie „Deutschland bekommt einen milden Winter“ oder „Europa wird besonders nass“. Vergangene El-Niño-Winter brachten in Europa sehr unterschiedliche Temperatur-, Niederschlags- und Windverhältnisse.
Für Deutschland bedeutet das: El Niño ist ein relevanter Faktor für saisonale Prognosen, aber kein eigenständiger Wetterfahrplan. Erst wenn sich der Winter nähert und weitere Einflussgrößen besser erkennbar werden, lassen sich Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Zirkulationslagen genauer einschätzen.
Die fachlich korrekte Erwartung für Deutschland lautet daher nicht, dass ein bestimmter Wintertyp bevorsteht. Vielmehr steigt die Aufmerksamkeit für mögliche Veränderungen der nordatlantischen Zirkulation – bei weiterhin beträchtlicher Unsicherheit.
Japan: näher am pazifischen Geschehen
Für Japan ist der Zusammenhang unmittelbarer, weil das Land am westlichen Rand des Nordpazifiks liegt und eng mit dem ostasiatischen Monsunsystem sowie den Strömungen des Pazifiks verbunden ist.
Historische Auswertungen zeigen, dass El Niño den ostasiatischen Wintermonsun abschwächen kann. Für Japan wurden im Durchschnitt häufiger wärmere Bedingungen im November und Dezember beobachtet, während die Monate Juli bis September teilweise kühler ausfielen. Ein einheitliches, landesweit belastbares Niederschlagssignal wurde dabei nicht festgestellt.
Auch die räumliche Ausprägung des Ereignisses spielt eine Rolle. Ein zentralpazifischer El Niño kann andere Folgen haben als eine Erwärmung, die sich stärker im östlichen Pazifik konzentriert. So wurden bei zentralpazifischen Ereignissen in Südjapan teilweise geringere Niederschläge beobachtet als bei ostpazifischen El-Niño-Ereignissen.
Bei tropischen Wirbelstürmen verändert El Niño vor allem Entstehungsgebiete und Zugbahnen. Bestimmte El-Niño-Typen verschieben die Entstehung tropischer Zyklone im westlichen Nordpazifik weiter nach Südosten. Historische Analysen deuten darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit eines direkten Auftreffens auf Japan während La Niña teilweise höher war als während El Niño. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Japan in einem El-Niño-Jahr vor Taifunen geschützt wäre. Einzelne Stürme können weiterhin große Auswirkungen haben.
Besonders sichtbar werden die Zusammenhänge in den Meeresökosystemen. Japanische Langleinenfischereien zeigen, dass sich die Wanderungsräume des Weißen Thunfischs während El Niño ausweiten können. Für den Japanischen Glasaal wurden dagegen sinkende Fänge beobachtet. Als Ursache gelten veränderte Meeresströmungen, durch die weniger Larven in den Kuroshio-Strom und damit in Richtung der japanischen Küsten gelangen. Auch geeignete Lebensräume des Neon-Flugkalmars können sich verändern.
Diese Beispiele zeigen: Für Japan geht es nicht nur um Lufttemperatur und Niederschlag. El Niño kann auch Meeresströmungen, Fischbestände, Aquakultur und Küstenwirtschaft berühren.

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