Einfach mal Wald machen
Warum Tiny Forests eine Idee sind, die unsere Städte gebrauchen können.
INNOVATIONSUSTAINABILITY
8/24/20265 min lesen
Unsere Städte werden heißer. Gleichzeitig gibt es dort erstaunlich viele Flächen, auf denen fast nichts passiert.
Ein Stück Rasen neben einer Schule. Eine Brache am Bahnhof. Der Rand eines Parkplatzes. Eine freie Ecke zwischen Wohnhäusern. Zweihundert Quadratmeter hier, fünfhundert dort.
Für einen klassischen Park ist das wenig.
Für einen kleinen Wald kann es reichen.
Genau darin liegt die Kraft der Tiny Forest Idee. Sie wartet nicht darauf, dass irgendwo zehn Hektar frei werden. Sie nimmt kleine Flächen ernst und stellt eine verblüffend praktische Frage: Was könnte hier wachsen?
Die Antwort lautet immer häufiger: ein Wald.
Die Idee kommt aus Japan. In Deutschland entwickelt sie sich weiter
Der japanische Pflanzenökologe Akira Miyawaki entwickelte eine Methode, bei der viele unterschiedliche, standortgerechte Bäume und Sträucher dicht auf einer vorbereiteten Fläche gepflanzt werden.
Das Grundprinzip ist leicht zu verstehen. Der Boden wird untersucht und vorbereitet. Unterschiedliche Gehölze werden ausgewählt. Die jungen Pflanzen stehen dicht beieinander. Nach einer intensiveren Anfangsphase übernimmt zunehmend die Vegetation.
Aus einzelnen Setzlingen soll eine kleine Waldgemeinschaft werden.
In Deutschland arbeiten inzwischen mehrere Initiativen mit dieser Idee. Sie kopieren Miyawaki nicht einfach. Sie übersetzen den Ansatz auf deutsche Städte, Böden, Pflanzen und Möglichkeiten.
MIYA forest e.V. zeigt, wie schnell aus einer Idee eine Bewegung werden kann
MIYA forest e.V. gehört zu den sichtbarsten deutschen Akteuren. Der Verein verbindet Pflanzungen mit Umweltbildung, Forschung und Beteiligung.
Die eigene Bilanz ist inzwischen beachtlich: mehr als 40 umgesetzte Tiny Forests, über 38.500 gepflanzte Bäume und Sträucher, rund 16.500 Quadratmeter begrünte Stadtfläche und mehr als 2.900 Menschen, die mitgewirkt haben.
Diese letzte Zahl ist mindestens so interessant wie die Zahl der Bäume. Denn ein Tiny Forest entsteht häufig vor den Augen der Menschen, die später an ihm vorbeigehen. Schülerinnen pflanzen. Nachbarn helfen. Beschäftigte eines Unternehmens greifen zum Spaten. Kinder messen später Bäume oder suchen Insekten.
Der Wald wird nicht irgendwo angelegt.
Er wird zum gemeinsamen Projekt.
MIYA Forest e.V. beschreibt seine Flächen deshalb als sozialökologische Labore. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt werden zehn Tiny Forests in Berlin-Brandenburg und im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Erfasst werden Boden, Biodiversität, Mikroklima und soziale Wirkungen. Bürger sammeln Daten und beobachten, wie sich die Flächen verändern. Der Bericht über das erste Forschungsjahr beschreibt auch eine starke Gemeinschaftsbildung rund um die untersuchten Wälder.
So bekommt der kleine Wald eine zweite Funktion.
Er produziert Naturerfahrung.
Ein Tiny Forest macht Stadtentwicklung plötzlich sichtbar
Das klingt abstrakt, bis man sich eine konkrete Fläche vorstellt.
In Darmstadt pflanzten 60 Schülerinnen und Schüler auf rund 200 Quadratmetern 630 junge Bäume und Sträucher. In Berlin-Hellersdorf entstand ein Tiny Forest auf einem schwierigen Untergrund, der größtenteils aus Bauschutt bestand und Regenwasser bislang schlecht versickern ließ. Dort wurde der Boden gezielt vorbereitet, bevor gepflanzt wurde.
Genau solche Orte sind interessant.
Ein alter Stadtpark braucht keinen Tiny Forest. Ein alter Baum sollte erst recht nicht weichen, damit daneben junge Bäume gepflanzt werden können.
Aber eine verdichtete Restfläche, eine langweilige Rasenfläche oder ein Stück ehemaliger Parkplatz?
Da beginnt eine andere Rechnung.
Man kann diese Fläche weitere zwanzig Jahre mähen.
Oder man kann ausprobieren, was passiert, wenn dort Hunderte Gehölze wachsen.
Citizens Forests e.V. macht aus Aufforstung eine Bürgerbewegung
Noch stärker auf das Selbermachen setzt Citizens Forests e.V. aus Bönningstedt.
Der Verein entstand 2019 und formuliert sein Ziel wunderbar einfach: Bäume pflanzen soll zu einer selbstverständlichen Aktivität im gesellschaftlichen Leben werden. Die Organisation berät andere Gruppen, organisiert Pflanzaktionen und stellt eigenes Praxiswissen öffentlich zur Verfügung. Dazu gehören eine an deutsche Bedingungen angepasste Miyawaki Methode, Pflanzhilfen und sogar eine Baumliste, mit der sich Gehölze auf einer Fläche verteilen lassen.
Das ist eine kleine Revolution im Denken.
Stadtgrün bleibt damit nicht ausschließlich Sache von Fachämtern, Landschaftsarchitekten und großen Planungsprozessen. Fachwissen bleibt nötig. Flächen müssen geprüft und Pflanzen sinnvoll ausgewählt werden. Aber Bürger können mitmachen.
In Hamburg-Wandsbek pflanzte Citizens Forests mit Freiwilligen 428 heimische Bäume und Sträucher auf nur 180 Quadratmetern. In Quickborn entstanden auf 850 Quadratmetern 2.655 Gehölze aus 34 heimischen Baum und Straucharten. 75 Menschen halfen mit.
Aus Zuschauern werden Beteiligte.
Selbst 60 Quadratmeter können plötzlich interessant sein
Tinyforestberlin treibt diesen Gedanken noch weiter.
Der Berliner Verein pflanzt Nanowälder in Berlin, um die Artenvielfalt und das Klima zu schützen. Es werden sehr kleine Waldbiotope aus heimischen Laubgehölzen angelegt. In Neukölln und Spandau sind solche Waldinseln entstanden, in Marienfelde ein Projekt, das nach Angaben des Vereins einem klassischen Tiny Forest nahekommt.
Damit verschiebt sich erneut die Perspektive.
Die Frage lautet nicht mehr nur: Wo können wir einen Wald pflanzen?
Sie lautet: Wie klein darf eine Fläche eigentlich sein, bevor wir aufhören, sie als potenziellen Naturraum wahrzunehmen?
Gerade für dicht bebaute Städte ist das eine aufregende Frage.
Denn kleine Flächen gibt es überall.
Man muss Tiny Forests nicht größer machen, als sie sind, um sich für sie zu begeistern.
Ein Wald von 300 Quadratmetern kühlt keine ganze Großstadt.
Ein dreijähriger Tiny Forest ersetzt keinen hundertjährigen Stadtbaum.
Eine Pflanzaktion löst weder die Klimakrise noch den Verlust der Artenvielfalt.
Und junge Bäume brauchen Wasser, Pflege und einen vernünftig vorbereiteten Standort.
Aber:
Wer einen Sonnenschirm aufstellt, behauptet schließlich auch nicht, damit den Sommer abzukühlen. Er schafft an einem bestimmten Ort Schatten.
Bei Tiny Forests kann man ähnlich denken.
Wenn eine kleine Waldfläche später einen Schulhof angenehmer macht, Insekten Nahrung bietet, Regen in den Boden gelangen lässt, Kindern Natur näherbringt und aus einer belanglosen Fläche einen lebendigen Ort macht, dann hat sie bereits sehr viel erreicht.
Dafür braucht sie keine Superlative.
Unsere Städte besitzen Millionen Quadratmeter, über die wir kaum nachdenken.
Restflächen. Randflächen. Abstandsflächen. Rasen. Verkehrsinseln. Flächen an Schulen, Unternehmen, Wohnanlagen und öffentlichen Gebäuden.
Einzeln wirken sie unbedeutend.
Tiny Forests drehen diese Sichtweise um.
200 Quadratmeter sind plötzlich genug, um anzufangen.
500 Quadratmeter werden zu einer Chance.
1.000 Quadratmeter wirken auf einmal großzügig.
Aus der vermeintlichen Schwäche kleiner Flächen entsteht ihre Stärke: Man kann viele Projekte gleichzeitig denken.
Nicht jeder Ort braucht einen Tiny Forest. Manche Flächen eignen sich besser für Wiesen, offene Lebensräume, große Einzelbäume, Wasserrückhalt oder andere Formen des Stadtgrüns.
Aber sehr viele Orte könnten heute grüner sein, als sie sind.
Man muss dafür nicht erst auf den perfekten Plan für die grüne Stadt des Jahres 2050 warten.
Man braucht eine geeignete Fläche.
Man braucht Wissen.
Man braucht Pflanzen.
Und ein paar Menschen, die anfangen.
Dann wird gepflanzt.
Der Rest wächst.
Einfach mal machen.
Quellen:
MIYA forest e. V. (2026): Gemeinsam mit Begeisterung für eine lebendige Erde. https://miya-forest.de/
Scharfe, Stefan; Hernández Morcillo, Mónica; Möller, Caspar (2024): Sozial ökologisches Tiny Forest Forschungsprojekt.Andrea von Braun Stiftung.
https://www.avbstiftung.de/sozial-oekologisches-tiny-forest-forschungsprojekt/
Möller, Caspar (2025): Pflanzenauswahl im Klimawandel. MIYA forest e. V., 8. Juli 2025.
https://miya-forest.de/pflanzenauswahl-im-klimawandel/
Citizens Forests e. V. (o. J.): Die Miyawaki Methode.
https://www.citizens-forests.org/miyawaki-methode/
Citizens Forests e. V. (2026): Wir machen Wälder.
https://www.citizens-forests.org/
Tinyforestberlin e. V. (o. J.):Naturschutz für Menschen in der Stadt.
https://www.tinyforestberlin.de/

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