Digitale Bildung in Deutschland zwischen Aufbruch und ungenutztem Potenzial
Deutschland hat bei der technischen Digitalisierung aufgeholt. Jetzt entscheidet sich, ob aus Infrastruktur auch bessere, gerechtere und zukunftsfähige Bildung entsteht.
YOUTH & POLITICSSCIENCE
8/1/202611 min lesen
Auf einen Blick
Platz 14 von 27
Deutschland erreicht im Bitkom-DESI-Index 2025 einen Platz im europäischen Mittelfeld.
54 Prozent
So groß war 2022 der Anteil der EU-Bevölkerung mit mindestens grundlegenden digitalen Kompetenzen.
81 Punkte
So groß ist laut ICILS 2023 der Kompetenzunterschied zwischen Schülerinnen und Schülern ohne und mit Zuwanderungserfahrung der ersten Generation.
65,2 Prozent
Fast zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler der ersten Zuwanderungsgeneration erreichen höchstens die zweite digitale Kompetenzstufe.
6,5 Milliarden Euro
So viel stellte der erste DigitalPakt Schule zwischen 2019 und 2024 bereit.
Digitale Bildung in Deutschland wird häufig als Geschichte des Rückstands erzählt. Zu langsames Internet, komplizierte Förderverfahren und Schulen, die noch immer mit veralteter Technik arbeiten. Dieses Bild ist nicht völlig falsch. Es ist inzwischen aber unvollständig.
Denn Deutschland bewegt sich. Unternehmen digitalisieren ihre Prozesse, Schulen verfügen häufiger über WLAN, Tablets und digitale Tafeln, und mit dem DigitalPakt 2.0 soll die nächste Entwicklungsstufe beginnen. Zugleich entstehen international neue Modelle, die zeigen, wie Schulen Lehrkräfte dauerhaft unterstützen und digitale Werkzeuge pädagogisch sinnvoll einsetzen können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Wie viel Technik fehlt noch?
Sie lautet: Wie wird aus technischer Ausstattung echte digitale Kompetenz?
Genau darin liegt die nächste große Chance. Deutschland muss nicht bei null beginnen. Die Infrastruktur ist vielerorts vorhanden, Erfahrungen wurden gesammelt, Schwächen sind gut dokumentiert. Nun kann aus einzelnen Digitalisierungsmaßnahmen ein Bildungssystem entstehen, das junge Menschen nicht nur mit Geräten versorgt, sondern sie zu einem selbstständigen, kritischen und kreativen Umgang mit digitalen Medien befähigt.
Deutschland steht nicht mehr am Anfang
Der Blick auf den europäischen Vergleich zeigt ein differenziertes Bild. Im Bitkom-DESI-Index 2025 erreicht Deutschland Platz 14 von 27 EU-Staaten. Das ist keine Spitzenposition, aber eine Verbesserung. Besonders bei der Digitalisierung von Unternehmen schneidet Deutschland mit Platz acht deutlich stärker ab.
Darin liegt ein wichtiger Hinweis: Digitale Entwicklung ist in Deutschland möglich, wenn Zuständigkeiten, Investitionen und konkrete Anwendungsfälle zusammenkommen.
Viele Unternehmen haben ihre Prozesse modernisiert, digitale Geschäftsmodelle aufgebaut und neue Technologien in Produktion, Kommunikation und Verwaltung integriert. Diese Entwicklung zeigt, dass Deutschland nicht grundsätzlich an fehlender Innovationsfähigkeit leidet.
Die Herausforderung besteht vielmehr darin, diese Dynamik stärker auf Bildung, Verwaltung und gesellschaftliche Teilhabe zu übertragen.
Digitalisierung darf nicht dort enden, wo ein Unternehmen effizienter arbeitet. Sie muss auch dort ankommen, wo ein Kind lernt, eine Quelle zu prüfen, eine Lehrkraft Unterricht vorbereitet oder ein Bürger eine Verwaltungsleistung nutzt.
Die nächste Innovationsstufe heißt Befähigung
Der erste große Digitalisierungsschub konzentrierte sich auf Infrastruktur. Das war notwendig.
Schulen benötigten stabile Netze, moderne Endgeräte, digitale Tafeln, Server und technische Plattformen. Der DigitalPakt Schule stellte dafür zwischen 2019 und 2024 rund 6,5 Milliarden Euro bereit. Nahezu alle rund 30.000 Schulen in Deutschland wurden durch das Programm erreicht.
Damit wurde eine Grundlage geschaffen, die vor wenigen Jahren vielerorts noch fehlte.
Der nächste Schritt ist anspruchsvoller. Nun geht es nicht mehr hauptsächlich darum, Geräte in Schulen zu bringen. Es geht darum, die bereits vorhandene Technik so einzusetzen, dass daraus bessere Lernprozesse entstehen.
Diese Verschiebung ist selbst eine Innovation.
Der Erfolg digitaler Bildung lässt sich künftig nicht mehr allein an der Zahl ausgegebener Tablets oder eingerichteter WLAN-Zugänge messen. Entscheidend wird sein, ob Schülerinnen und Schüler lernen,
Informationen kritisch zu beurteilen,
Quellen und Interessen zu erkennen,
digitale Inhalte selbstständig zu erstellen,
persönliche Daten zu schützen,
mit anderen digital zusammenzuarbeiten,
Algorithmen und Plattformen zu hinterfragen
und digitale Werkzeuge gezielt zur Lösung von Problemen einzusetzen.
Ein Tablet ist dabei nicht das Ziel. Es ist ein Werkzeug.
Der eigentliche Fortschritt entsteht, wenn junge Menschen verstehen, wann, warum und wie sie dieses Werkzeug sinnvoll nutzen können.
Digitale Kompetenz wird zur neuen Grundbildung
Nach dem Digital Economy and Society Index der Europäischen Kommission verfügten 2022 rund 54 Prozent der Menschen in der Europäischen Union über mindestens grundlegende digitale Kompetenzen. Das europäische Ziel liegt bei 80 Prozent.
Einige Länder waren diesem Ziel bereits deutlich näher. Finnland und die Niederlande erreichten Werte von etwa 79 Prozent. Deutschland lag darunter.
Diese Zahlen betreffen weit mehr als technische Routine.
Digitale Kompetenz entscheidet zunehmend darüber, ob Menschen Informationen einordnen, Verwaltungsangebote nutzen, sich beruflich weiterentwickeln oder an gesellschaftlichen Diskussionen teilnehmen können.
Wer mit digitalen Systemen sicher umgehen kann, hat leichteren Zugang zu Wissen, Arbeit und öffentlichen Leistungen. Wer diese Fähigkeiten nicht besitzt, stößt in immer mehr Lebensbereichen auf Hindernisse.
Deshalb entwickelt sich digitale Kompetenz zu einer Form moderner Grundbildung. Lesen, Schreiben und Rechnen bleiben unverzichtbar. Hinzu kommt jedoch die Fähigkeit, digitale Informationen zu verstehen, zu prüfen und verantwortlich zu verwenden.
Gerade darin liegt eine große bildungspolitische Chance: Schulen können diese Fähigkeiten systematisch vermitteln – unabhängig davon, welche technischen Erfahrungen Kinder aus ihrem Elternhaus mitbringen.
ICILS zeigt, wo gezielte Innovation besonders nötig ist
Die internationale Vergleichsstudie ICILS 2023 untersucht, wie sicher Schülerinnen und Schüler digitale Informationen und Werkzeuge nutzen können. Ihre Ergebnisse zeigen nicht nur Defizite. Sie zeigen auch sehr genau, an welchen Stellen neue Fördermodelle ansetzen müssen.
Zwischen Schülerinnen und Schülern ohne Zuwanderungserfahrung und Jugendlichen der ersten Zuwanderungsgeneration liegt in Deutschland ein durchschnittlicher Kompetenzabstand von 81 Punkten. Dieser Unterschied besteht seit rund zehn Jahren nahezu unverändert.
Auch die Familiensprache wirkt sich deutlich aus. Zwischen Jugendlichen, die zu Hause Deutsch sprechen, und Schülerinnen und Schülern mit einer anderen Familiensprache liegt eine Differenz von 59 Punkten. Der Abstand ist größer als im europäischen Durchschnitt.
Diese Ergebnisse machen sichtbar, dass Schule digitale Unterschiede bislang nicht ausreichend ausgleicht.
Sie liefern aber zugleich eine klare Entwicklungsrichtung.
Statt allgemeiner Digitalisierungsprogramme braucht es stärker zugeschnittene Förderung. Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen benötigen unterschiedliche Lernwege, mehr Begleitung und verlässliche Möglichkeiten, digitale Kompetenzen praktisch anzuwenden.
Gerade digitale Werkzeuge können dabei selbst Teil der Lösung sein. Adaptive Lernsysteme, mehrsprachige Angebote, individuell angepasste Übungen oder direkte Rückmeldungen könnten helfen, Lernstände früher zu erkennen und Unterstützung gezielter einzusetzen.
Die Daten zeigen also nicht nur, wo Deutschland zurückliegt. Sie zeigen, wo pädagogische Innovation besonders wirksam werden könnte.
Bedienung ist noch keine Souveränität
Besonders deutlich wird das bei einem weiteren ICILS-Befund: 65,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler der ersten Zuwanderungsgeneration erreichen höchstens die zweite Kompetenzstufe.
Diese Jugendlichen können digitale Medien grundsätzlich bedienen. Sie verfügen jedoch nur eingeschränkt über die Fähigkeit, Informationen kritisch zu bewerten oder selbstständig komplexere digitale Inhalte zu erstellen.
Genau hier muss digitale Bildung genauer unterscheiden.
Ein junger Mensch kann ein Smartphone täglich nutzen, Videos bearbeiten und soziale Netzwerke bedienen. Das bedeutet noch nicht automatisch, dass er die Zuverlässigkeit einer Quelle einschätzen, manipulierte Inhalte erkennen oder die Funktionsweise einer Plattform verstehen kann.
Vertrautheit ist nicht dasselbe wie Kompetenz.
Die nächste Generation digitaler Bildung muss deshalb über reine Anwendungskenntnisse hinausgehen. Sie sollte jungen Menschen ermöglichen, digitale Medien nicht nur zu konsumieren, sondern sie zu verstehen und selbst zu gestalten.
Das ist anspruchsvoller als klassische Geräteschulung. Es ist aber auch wesentlich zukunftsfähiger.
Ein auffälliger Befund bei den Mädchen
Auch die Entwicklung bei den Mädchen verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Anteil der Schülerinnen auf der niedrigsten Kompetenzstufe stieg zwischen 2013 und 2023 von sechs auf 13,5 Prozent.
Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich der Wert damit mehr als verdoppelt.
Die Daten liefern keine einfache Erklärung. Sie zeigen jedoch, dass mehr digitale Medien im Alltag nicht automatisch zu besseren digitalen Fähigkeiten führen.
Daraus lässt sich eine konstruktive Konsequenz ableiten: Förderung muss stärker darauf achten, wie verschiedene Gruppen digitale Medien nutzen und welche Lernangebote sie tatsächlich erreichen.
Möglicherweise braucht es mehr Räume, in denen Schülerinnen digitale Werkzeuge nicht nur anwenden, sondern selbst entwickeln, programmieren, gestalten und hinterfragen können. Projektorientierter Unterricht, kreative Medienarbeit, Robotik, Datenanalyse oder die Arbeit mit künstlicher Intelligenz könnten dazu beitragen, digitale Kompetenz stärker mit Selbstwirksamkeit zu verbinden.
Innovativ wäre dabei nicht allein das jeweilige Werkzeug. Innovativ wäre ein Unterricht, in dem Schülerinnen und Schüler digitale Technologien als etwas erleben, das sie verstehen und aktiv mitgestalten können.
Warum mehr Technik allein nicht genügt
Die ICILS-Ergebnisse zeigen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der schulischen Mediennutzung und den tatsächlich erreichten digitalen Kompetenzen.
Das ist einer der zentralen Befunde.
Digitale Medien können häufig eingesetzt werden, ohne dass sich das Lernen grundlegend verändert. Ein Arbeitsblatt bleibt ein Arbeitsblatt, auch wenn es auf einem Tablet geöffnet wird. Eine Präsentation bleibt passiv, wenn Schülerinnen und Schüler lediglich Informationen übernehmen.
Die Medienpädagogin Kerstin Mayrberger beschreibt digitale Bildung deshalb als pädagogische, didaktische und kulturelle Aufgabe. Entscheidend ist nicht nur, welches Medium verwendet wird. Entscheidend ist, welche Form des Lernens dadurch möglich wird.
Digitale Medien entfalten ihr Potenzial besonders dann, wenn sie neue Lernformen unterstützen:
Schülerinnen und Schüler recherchieren selbstständig und vergleichen Quellen.
Sie arbeiten gemeinsam an digitalen Projekten.
Sie entwickeln Videos, Podcasts, Simulationen oder Anwendungen.
Sie erhalten schneller Rückmeldungen zu ihrem Lernstand.
Sie können unterschiedliche Lösungswege ausprobieren.
Sie lernen, technische Systeme kritisch zu bewerten.
Sie verbinden Wissen aus verschiedenen Fächern.
Die Innovation liegt damit nicht im Gerät selbst. Sie liegt in der Gestaltung des Unterrichts.
Lehrkräfte werden zum Schlüssel der nächsten Phase
Kein Digitalprogramm kann dauerhaft erfolgreich sein, wenn Lehrkräfte mit der Umsetzung allein bleiben.
Lehrkräfte müssen nicht jede neue Anwendung beherrschen. Sie brauchen aber Sicherheit bei der Frage, welches Werkzeug zu welchem Lernziel passt. Sie benötigen Zeit, Beratung, technische Unterstützung und Möglichkeiten zum Austausch.
ICILS 2023 zeigt, dass digitale Medien heute häufiger im Unterricht eingesetzt werden als noch 2013. Die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler haben sich jedoch nicht im gleichen Maß entwickelt.
Auch Fortbildungsangebote haben zugenommen. Dennoch gelingt der Transfer in den Schulalltag offenbar nicht überall.
Das bedeutet nicht, dass Fortbildungen wirkungslos sind. Es zeigt vielmehr, dass einzelne Veranstaltungen zu wenig sein können.
Eine Lehrkraft, die an einem eintägigen Workshop teilnimmt, arbeitet danach weiterhin unter denselben Bedingungen: begrenzte Vorbereitungszeit, unterschiedliche technische Systeme, offene Datenschutzfragen, instabile Anwendungen und wenig Unterstützung im laufenden Unterricht.
Die nächste Innovation muss deshalb organisatorisch sein.
Statt punktueller Schulungen braucht es langfristige Begleitung direkt an den Schulen. Digitale Schulentwicklung sollte nicht als Zusatzaufgabe einzelner engagierter Lehrkräfte behandelt werden, sondern als gemeinsamer Prozess des Kollegiums.
Estland zeigt ein anderes Unterstützungsmodell
Ein interessantes Beispiel liefert Estland. Dort beraten sogenannte Educational Technologists Lehrkräfte unmittelbar an den Schulen.
Sie übernehmen nicht den Unterricht. Ihre Aufgabe besteht darin, Lehrkräfte bei der Auswahl und Anwendung digitaler Werkzeuge zu unterstützen, Unterrichtsideen weiterzuentwickeln und technische Möglichkeiten mit pädagogischen Zielen zu verbinden.
Damit wird ein Problem gelöst, das viele deutsche Schulen kennen: Zwischen zentralen Fortbildungsangeboten und konkreter Unterrichtspraxis entsteht häufig eine Lücke.
Educational Technologists schließen diese Lücke direkt vor Ort.
Das Modell ist deshalb innovativ, weil es digitale Kompetenz nicht nur von Lehrkräften erwartet, sondern dafür eine dauerhafte Unterstützungsstruktur schafft. Beratung wird nicht als einmalige Maßnahme verstanden, sondern als Teil des Schulalltags.
Eine vergleichbare Rolle könnte auch in Deutschland sinnvoll sein – angepasst an die jeweiligen Schulformen und föderalen Strukturen. Solche Fachpersonen könnten Kollegien begleiten, Unterrichtsprojekte entwickeln, technische Fragen koordinieren und den Austausch zwischen Schulen stärken.
„AI Leap“ verbindet Technologie und Qualifizierung
Mit der Initiative „AI Leap“ plant Estland eine weitere Entwicklungsstufe. Ab Herbst 2025 sollen KI-gestützte Lernmittel schrittweise in Schulen eingeführt werden. In einer ersten Phase sind rund 3.000 Lehrkräfte und 20.000 Schülerinnen und Schüler vorgesehen.
Bemerkenswert ist weniger die bloße Einführung künstlicher Intelligenz. Entscheidend ist die Verbindung aus Technologie, Qualifizierung und schrittweiser Umsetzung.
KI wird nicht lediglich als neues Produkt bereitgestellt. Lehrkräfte sollen auf den Einsatz vorbereitet werden. Die Einführung erfolgt in Etappen. Dadurch können Erfahrungen gesammelt, Anwendungen geprüft und Konzepte weiterentwickelt werden.
Genau darin liegt der Innovationswert.
Neue Technologien sollten nicht unkontrolliert in das Bildungssystem gelangen. Sie benötigen einen pädagogischen Rahmen.
KI könnte Lehrkräfte beispielsweise bei der Erstellung differenzierter Aufgaben unterstützen, individuelles Feedback erleichtern oder Lernmaterialien an unterschiedliche Lernstände anpassen. Gleichzeitig müssen Schülerinnen und Schüler lernen, wie KI-Systeme arbeiten, wo ihre Grenzen liegen und warum ihre Ergebnisse nicht ungeprüft übernommen werden dürfen.
Digitale Bildung wird damit doppelt relevant: Junge Menschen lernen mit künstlicher Intelligenz – und zugleich über künstliche Intelligenz.
Deutschland kann Estland nicht kopieren
Der Vergleich mit Estland hat Grenzen. Das Land hat rund 1,3 Millionen Einwohner, ein einheitlicheres Schulsystem und verfolgt seit den 1990er-Jahren eine staatlich koordinierte Digitalstrategie.
Deutschland verfügt dagegen über 16 Bildungssysteme, föderale Zuständigkeiten und sehr unterschiedliche regionale Voraussetzungen.
Eine direkte Übertragung wäre deshalb unrealistisch.
Die grundlegende Idee bleibt dennoch relevant: Digitalisierung gelingt besser, wenn Infrastruktur, pädagogische Entwicklung, Verwaltung und Qualifizierung als zusammenhängende Aufgabe verstanden werden.
Deutschland muss dafür kein estnisches System übernehmen. Es kann eigene Modelle entwickeln:
regionale Kompetenzzentren für digitale Bildung,
feste Digitalberaterinnen und Digitalberater an Schulen,
schulübergreifende Entwicklungsteams,
langfristige Fortbildungsprogramme,
gemeinsame Qualitätsstandards,
offene und geprüfte Lernmaterialien,
Pilotprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung
und Netzwerke, in denen Schulen funktionierende Konzepte teilen.
Innovation bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, ein fremdes Modell zu kopieren. Sie bedeutet, aus erprobten Ideen tragfähige eigene Strukturen zu entwickeln.
Der DigitalPakt 2.0 kann zum Wendepunkt werden
Der DigitalPakt 2.0 soll bis 2030 insgesamt fünf Milliarden Euro von Bund und Ländern bereitstellen.
Im Unterschied zum ersten Programm soll nicht mehr allein die technische Infrastruktur im Mittelpunkt stehen. Auch digitales Lehren und Lernen sowie die Weiterentwicklung der Schulen werden ausdrücklich berücksichtigt. Der Verwaltungsaufwand soll zudem reduziert werden.
Das ist mehr als eine Fortsetzung des bisherigen Förderprogramms. Es bietet die Chance auf einen Kurswechsel.
Der DigitalPakt 2.0 könnte die Verbindung herstellen, die bislang häufig fehlte:
Technik + Pädagogik + Qualifizierung + Schulentwicklung
Damit daraus tatsächlich ein Wendepunkt wird, sind mehrere Punkte entscheidend.
1. Technische Betreuung muss verlässlich werden
Lehrkräfte sollten Unterricht gestalten und nicht regelmäßig Geräte verwalten, Updates organisieren oder technische Ausfälle beheben müssen.
Schulen benötigen professionelle und dauerhaft verfügbare Unterstützung.
2. Fortbildung muss näher an die Praxis
Einzelne Workshops reichen nicht. Lehrkräfte brauchen langfristige Lernwege, schulinterne Entwicklung und Begleitung bei der praktischen Umsetzung.
3. Digitale Kompetenz braucht klare Ziele
Es muss deutlicher werden, welche Fähigkeiten Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Altersstufen erwerben sollen.
4. Gute Modelle müssen verbreitet werden
Viele Schulen entwickeln bereits funktionierende Ansätze. Diese Erfahrungen sollten systematisch dokumentiert, geprüft und anderen Schulen zugänglich gemacht werden.
5. Innovation braucht Evaluation
Neue Anwendungen sollten nicht allein deshalb eingesetzt werden, weil sie modern wirken. Entscheidend ist, ob sie Lernen verbessern, Lehrkräfte entlasten oder Bildung gerechter machen.
Chancengleichheit wird zur eigentlichen Messlatte
Der DESI-Bericht zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und digitaler Kompetenz.
Während 79 Prozent der Menschen mit hohem Bildungsabschluss über mindestens grundlegende digitale Fähigkeiten verfügten, waren es bei Personen mit niedrigem Bildungsabschluss nur 32 Prozent.
Diese Differenz zeigt, warum digitale Bildung nicht als technisches Spezialthema behandelt werden darf.
Sie ist eine Frage gesellschaftlicher Teilhabe.
Wer digitale Systeme versteht, kann sich leichter informieren, weiterbilden und beruflich entwickeln. Wer diese Fähigkeiten nicht besitzt, läuft Gefahr, in immer mehr Lebensbereichen ausgeschlossen zu werden.
Gerade deshalb kann Schule eine zentrale Rolle übernehmen. Sie ist eine der wenigen Institutionen, die alle jungen Menschen erreicht.
Die eigentliche Innovation wäre daher ein Bildungssystem, das digitale Kompetenz nicht vom Elternhaus abhängig macht. Ein System, das Unterschiede früh erkennt, gezielt unterstützt und allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gibt, digitale Technologien aktiv mitzugestalten.
Der Erfolg des DigitalPakts 2.0 sollte deshalb nicht nur an Geräten, Netzen und Fördermitteln gemessen werden.
Die entscheidenden Fragen lauten:
Werden Kompetenzunterschiede kleiner?
Können mehr Schülerinnen und Schüler Informationen kritisch bewerten?
Werden Lehrkräfte spürbar unterstützt?
Entstehen neue, wirksame Lernformen?
Profitieren auch Schulen mit schwierigen Ausgangsbedingungen?
Werden junge Menschen zu selbstständigen Gestaltern digitaler Räume?
Vom digitalen Unterricht zur digitalen Mündigkeit
Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine technische Grundlage geschaffen. Das ist ein realer Fortschritt.
Nun beginnt die anspruchsvollere Phase.
Aus Geräten müssen Lernwerkzeuge werden. Aus Fortbildungen muss dauerhafte Unterstützung entstehen. Aus einzelnen Pilotprojekten müssen verlässliche Strukturen wachsen. Und aus Mediennutzung muss digitale Mündigkeit werden.
Die vorhandenen Ansätze zeigen, dass dieser Wandel möglich ist.
Der DigitalPakt 2.0 erweitert den Blick über die reine Ausstattung hinaus. Estland zeigt, wie Lehrkräfte direkt im Schulalltag unterstützt werden können. KI-gestützte Lernsysteme eröffnen neue Möglichkeiten für individuelle Förderung. Die ICILS-Ergebnisse liefern eine genaue Grundlage dafür, welche Gruppen besonders gezielte Unterstützung benötigen.
Die Innovationen sind also bereits sichtbar. Sie liegen nur nicht immer dort, wo sie zuerst vermutet werden.
Nicht das modernste Gerät entscheidet über den Erfolg.
Entscheidend sind die Strukturen dahinter: gut vorbereitete Lehrkräfte, klare Bildungsziele, verlässliche Unterstützung und ein Unterricht, der junge Menschen zum selbstständigen Denken befähigt.
Deutschlands digitale Bildung steht deshalb nicht nur vor einem Defizit. Sie steht vor einem Übergang.
Der erste Schritt bestand darin, Schulen technisch anzuschließen. Der nächste besteht darin, alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen.
Quellen: Eickelmann et al. (Hrsg.): „ICILS 2023 #Deutschland“ (2024); Europäische Kommission: „Digital Economy and Society Index 2022: Thematic Chapters“ (2022); Mayrberger: „Partizipative Mediendidaktik“ (2019); Bitkom: „Bitkom-DESI-Index 2025: Deutschland auf Platz 14“ (2025); Bundesministerium für Bildung und Forschung: „DigitalPakt Schule 2019–2025: Bilanz und Ausblick DigitalPakt 2.0“ (2025).

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